Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung „Stadtlandschaften“ von Bernd Gutkuhn in der Galerie am IGM Berlin

Meine Damen und Herren, erwarten Sie nicht, dass ich Ihnen die Bilder Bernd Gutkuhns erkläre! Ich sehe meine Aufgabe der nächsten Minuten als eine andere: einen mentalen Raum zu schaffen, der es ihm ermöglicht, mittels seiner Bilder selbst zu Ihnen zu sprechen. Möglichst wenig soll über sie gesagt werden, um nicht den Reiz dieser besonderen Sprache zu zerstören, den diese Bilder selbst entwickeln.

Ein Ansatz liegt schon im Titel dieser Ausstellung: Stadtlandschaften, der – wenn nicht als statt Landschaft gelesen – eine wunderbare contradictio in adjecto transportiert. Wer Städte als Landschaften empfindet, mit seltsamem Getier belebt, als steinerne Gebirge, Straßenszenen wie Jagden im Unterholz, als Dome aus Rauch und Nebel, von Lampenlicht erhellt, wie Baum-erzeugte Kuppeln sonnengebrochener Lichtungen – nun, der wird kein „entweder-oder“ gelten lassen.

Bernd Gutkuhn malt mit der ungebrochenen Ästhetik, die den kritischen Geist – z. B. in Gestalt des Architekturkritikers – zum Grollen veranlassen könnte. Er malt mit einer Impertinenz des Schönen, die den postmodernen Endzeitvisionen, die immer vehementer das Menetekel der Zerstörung der Städte an die Wand malten, geradezu Hohn spricht! Akrobat schön! Nun – auch Architekturkritiker wollen leben und ihr Plätzchen im publizistischen Raum erobern und der lebt vom Wettbewerb: wenn nicht um das „Höher, Schneller, Weiter“ so doch um das „Schlimmer, Schwärzer, Elendiger“. So werden Drama, Katastrophe, Weltuntergang incl. Konkurrenz um das welt-, erd- und städtevernichtende Desaster zu … ja, zu was eigentlich? Zum amüsiert registrierten Clou, von dem man weiß, dass ihm morgen ein neuer Gag eine Spitze aufsetzen wird; weshalb sich also drum scheren? Nach dem Weltuntergang wird im Fernsehsessel „ach, wie putzig“ gemurmelt.

Bernd Gutkuhn geht andere Wege: Er sucht, fixiert, konserviert städtische Elemente, die als Metaphern urbaner Lebensfreude – des sozialen Kontextes „Stadt“ – gelten müssen: die Bewegung, das Verbinden, das Begegnen, das Fließen und Zerfließen, das Rauschhafte, das Licht in allen Varianten – die Stadt als Lichtspielhaus – mit bewegten Bildern: „Lichter einer Großstadt“ – Irrlichter einer Großstadt. Die Stadt als ästhetische Perspektive eines menschlichen Lebensraumes. Malen als Sammeln von Gedankensplittern und Empfindungsfragmenten vielschichtiger urbaner Erfahrung eines im Wortsinne „Liebhabers“ von Städten, dieser Stadt (Berlin), dieses Stadtteils (Steglitz).

Schönheit hin – Schönheit her! Natürlich hat die Stadt Feinde, viele Feinde: Zurück aufs Land! Zurück zur Natur! Blut und Boden! Volkstums- und Agrarideologien! Natur- und Tierhypostasierungen! Der Hass auf die „Masse“ und auf die Größe! Soziale Solipsismen! Überschaubarkeits- und Kleinheitsrituale! Bewegungen wider die Moderne zuhauf und immer zugleich anti-urbane Reflexe! Die Stadt erzeugt wie auch die Moderne ihre Feinde selber: Innerhalb und außerhalb ihrer bedrängenden und bedrängten, chaotischen, zufälligen, kreativen, produktiven, Planung widerstehenden, unberechenbaren Struktur entsteht nicht selten Hass und Verzweiflung: Hass von außen und Verzweiflung im Innern, da keine andere Behausung des behausten oder unbehausten Menschen ähnliche Ansprüche an seine Bewohner stellt: Sie stellt den Rahmen der Begegnung, aber ermöglicht totale Vereinsamung inmitten von Menschenmassen: Simeon Stylites auf der Suche nach der extremsten Eremitage oder Wüstenei würde heute einfach U-Bahn fahren („Meine Damen und Herren, entschuldigen Sie diese Störung, doch ich habe seit Tagen nichts Warmes gegessen, und weil ich meinen Ausweis verloren habe, wurde mir die Sozialhilfe nicht ausbezahlt. Ich wäre Ihnen sehr dankbar …“ etc. etc.). Die Stadt ist nicht berechenbar, allen Stadt-, Land-, Flußplanern zum Trotz: Wer berechenbare oder überschaubare Strukturen sucht, muss an ihr verzweifeln.

Wer Literatur nach Texten über Urbanität und Stadterfahrung absucht, steht schnell vor einem Problem: Unendlichkeit! So ist unsere Auswahl so zufällig wie die zufällige Begegnung fremder Menschen in einer Stadt. Wenn Rilkes Malte Laurids Brigge seine Begegnung mit dem Phänomen Stadt monologisiert, so klingt dies fremd, als wäre er auf einem fremden Planeten gelandet. Wenn Bogdan Bogdanovic den „rituellen Städtemord“ (u.a. an den Städten des ehemaligen Jugoslawiens) thematisiert, so spricht daraus Verzweiflung über eine sexualisierte Wollust an der Zerstörung von sozialem und kulturellem Zusammenhang. Doch was diese beiden wie auch Walter Benjamin, Joseph Roth, Stendhal, Baudelaire und viele andere an urbaner Erfahrung transportieren, wird auch ein Coventry, Dresden, Guernica und Hiroshima überleben. Dies macht den Sieg über die Städtemörder aus: Eine Stadt ist vernichtbar; Urbanität ist unsere Zukunft.

Dr. Martin Fritz Brumme

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