Malerei ist immer auch Sehnsucht, ein Begehren, Zeitgefühl auszudrücken, hinüberzureichen in das Ferne, nach uns Kommende. Bernd Gutkuhns Acryl-Bilder verraten das Fasziniert-Sein ihres Malers vom Phänomen der Bewegung, der Geschwindigkeit. Schnelligkeit, die unser Auge nur in Bruchteilen erfassen kann, macht diese Malerei sichtbar, indem sie mit raschen entschlossenen Pinselschlägen zerlegt und wieder zusammenbringt. Die Arbeiten auf Leinwand, mitunter auf grober Jute, die eine schöne offene Oberflächenstruktur hervorbringt, wachsen in einem langen intensiven Arbeitsprozess.

Bernd Gutkuhn malt, tilgt, übermalt, sodass jedes Bild mehrere Schichten, ergo Sinnebenen hat. Der Betrachter ahnt sie unter der äußeren Bildhaut, aber ganz lüftet er mit bloßem Auge das Geheimnis nicht. Ursprüngliche Figürlichkeit wird sukzessive abstrahiert, die Mittel für Bewegung im Raum sind reduziert. Die Bildsprache geht weg von der ursprünglichen konkreten Anschauung, wird immer mehr Landschaft von Geistigem und Emotionalem. Erinnerung, Gegenwart und Zukunft scheinen zu verschmelzen in wechselndem Licht, das manchmal dunkeltonig, dann wieder sphärisch ist. Leuchtende lineare Strukturen durchjagen vogelflugartig oder wie Blitzlichtgewitter das Himmelsblau, dem von unten her rätselhaft dunkles „Pariser Blau“ zuwächst. Auf einem nächsten Bild scheinen vegetative Formen hell zu explodieren und ins Dunkle zu fallen – als sei es das ununterbrochene Werden und Vergehen im Universum. Auf einer übernächsten Leinwand wirkt eine imaginäre Kraft wie von außen auf ein Bildwesen ein. „Seitentrieb“, so der Titel der Arbeit. Sie vermittelt den Eindruck, die verfremdete Bildgestalt sei ein Wanderer, der sich gegen den Sturm stemmt. Bewegung, Beschleunigung sind erfasst und fixiert in unzähligen Pinselschwüngen, heftig aufbrechend oder tanzend, aufgefächert und durchbrochen.

Immer überzieht eine rätselhafte Expression die „Farblandschaften“, denn alles wächst aus der Farbe, spielt wechselweise mit Tiefe und Oberfläche, Traum und Realität, Verschlossenheit und Transparenz. Nichts Festgelegtes ist in den virulenten, durchzuckten und farbleuchtenden Flächen: Ultramarin, Hellblau, Rot, Rosé, fluoreszierendes Gelb und Grün und schimmerndes, rätselhaft durchscheinendes Weiß. Strukturen und Zeichen verästeln und verflüchtigen sich oder bilden mitunter einen magischen Schleier.

Durchscheinend sind die Aquarelle. Diese Blätter, oft in lichten Gelb-Blau-Tönen, sind wie Erinnerungsnotizen, Bleistift-Chiffren geben das Strichwort, spontan bringt die Farbe Handlung und Stimmung. Und die Wasserfarben suchen sich, ihrer Natur gemäß, auf dem durstigen Papier ganz eigene, die Fantasie verführende Wege.

Ingeborg Ruthe im Katalog zur Ausstellung bei der VEBAU Berlin.

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1 Kommentar

Mr WordPress · Februar 22, 2020 um 11:16 am

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